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Das Porträt: Kampfrichter Holger Kußmaul im Sport in BW-Magazin

Schwäbisch Gmünd. Ein Beitrag von Peter Jaschke über Holger Kußmaul vom Box-Verband Baden-Württemberg (BVBW) und seine bevorstehende Kampfrichter-Mission in Argentinien steht in der  April-Ausgabe von "Sport in BW", dem Magazin des Landessportverbands (LSV).

Hier gibt´s die Geschichte zum Nachlesen:

"Der Gong ertönt. Doch erst der offizielle Chef im Ring gibt die erste Runde frei: Energisch bewegt Holger Kußmaul, der durchtrainiert wirkende Hüne im weißen Oberhemd, die Innenflächen seiner beiden ausgestreckten Hände aufeinander zu. Dazu ruft er „Box“. Es ist das Kommando zum Tanz im Seilviereck. Kopfstöße, Innenhandschläge und Festhalten sind tabu. Dass zwischen den beiden Athleten alles regelkonform abläuft, darauf achtet Kußmaul genau. Und das auf der ganzen Welt. Denn der Kampfrichter ist als einziger im Box-Verband Baden-Württemberg (BVBW) mit drei Sternen ausgezeichnet.

Für einen ehrenamtlichen Referee wie den Mann vom DABC Schwäbisch-Gmünd ist das die höchste Qualifikationsstufe. Deshalb fliegt Kußmaul – neben seiner Kollegin Susann Köpke vom Landesverband Mecklenburg-Vorpommern – bald nach Argentinien. Dort findet vom 10. bis zum 16. Mai das Turnier statt, bei dem sich Boxerinnen und Boxer vom amerikanischen Kontinent für die Olympischen Spiele 2021 in Tokio qualifizieren. „Auch für mich als Referee ist es eine Qualifikation fürs Olympische Turnier in Japan, und es macht mich unheimlich stolz, Baden Württemberg und Deutschland repräsentieren zu dürfen“, sagt Kußmaul voller Vorfreude.

Doch ist es auch eine heikle Mission, und das nicht nur wegen der Corona-Pandemie, weshalb die Wettkämpfe unter so strengen Hygienevorgaben ablaufen, wie das bei einer Kontaktsportart nur möglich ist. Verantwortlich dafür zeichnet die „Boxing Task Force“ des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die Kußmaul und Co. auch nominiert haben. Denn bekanntlich ist dem normalerweise zuständigen Weltboxverband AIBA seit 2019 die Regie auch des olympischen Boxturniers mitsamt Vorbereitungen bis auf Weiteres entzogen.

Als Gründe dafür gelten Defizite bei Verbandsführung, Finanzen, Anti-Doping und beim Kampfrichterwesen. Fehlurteile hatten bereits beim jüngsten olympischen Boxturnier von 2016 in Rio de Janeiro für Schlagzeilen gesorgt. Einige Punkt- und Ringrichter waren sogar von den Spielen abgezogen worden. Doch kein deutscher Kampfrichter war damals im Einsatz gewesen. Und Kußmaul gehört nach wie vor zu den AIBA-Referees mit reiner Weste.

Durch Skandale in der Vergangenheit stehen wir alle sehr unter Druck und Beobachtung: Das wird kein Zuckerschlecken in Argentinien, und Fehlurteile darf es nicht geben“, weiß Kußmaul. Immerhin kann er auf große Erfahrung bauen: Seit 2000 hat er bereits mehr als 10.000 Boxkämpfe im Ring geleitet. Auch von den Entscheidungen der Ring- und Punktrichter hängt es also ab, wie es trotz neuer Führung seit Ende 2020 mit dem Box-Weltverband weitergeht. „Einer meiner größten Wünsche in sportpolitischer Hinsicht wäre ein skandalfreier Weltverband, der zum Wohle des Boxsports arbeitet“, sagt Kußmaul. Der längst mit der Goldenen Ehrennadel des Deutschen Boxsport-Verbands ausgezeichnete Baden-Württemberger ist sich seiner Mitverantwortung bewusst und will mit sauberen Entscheidungen seinen Beitrag dazu leisten „dass in Argentinien alles fair und sauber abläuft, damit der urolympischen Disziplin an sich, aber vor allem den Boxerinnen und Boxern wieder der Respekt zukommt, den sie verdient haben“.

Kußmaul weiß, wovon er spricht: Ab seinem zehnten Lebensjahr hatte er das Boxen bei seinem Vater Harry erlernt, einem verdienten Pionier des Boxsports in Schwäbisch Gmünd, Baden-Württemberg und Deutschland. 60 Mal stand der Junior als Boxer im Ring. „Mein boxerischer Erfolg war nur durchschnittlich“, schätzt der heutige Spitzenkampfrichter Kußmaul seine früheren Leistungen als Kämpfer im Ring selbstkritisch ein. Auch als Trainer habe er sich nicht wohlgefühlt, erinnert sich Kußmaul. Sein inzwischen gestorbener Vater war es, der erkannte, dass der Sohn das Potenzial für den Job als Chef im Ring hat und so die Tradition fortführen kann.

Wie Recht mein Vater hatte“, sagt Kußmaul heute. Seine Kampfrichter-Karriere begann er 1999 zunächst als Punkrichter am Ring. Seit 2000 ist er auch Ringrichter im BVBW-Landesverband. Zwei Jahre später darauf folgte die Lizenz für Einsätze auf Bundesebene und 2004 auch die für internationale Kämpfe. 2015 war Kußmaul der erste Kampfrichter in Deutschland, der, bis dahin erst mit einem AIBA-Stern dekoriert, auf Anhieb in die Dreisterne-Kategorie aufstieg. Inzwischen hat sich Kußmaul bei mehr als 27 Deutschen Meisterschaften und bald 50 internationalen Einsätzen einen Namen gemacht. Dazu zählen mehrere Europameisterschaften, die Weltmeisterschaften 2017 in Hamburg und 2019 in Jekaterinburg sowie die Europäischen Olympischen Jugendspiele im selben Jahr.

„Ich möchte, dass sich die Boxerinnen und Boxer bei mir im Ring wohl und sicher fühlen.“ So lautet Kußmauls Devise. Das Private leidet indes: „Es gab Jahre, da war ich jedes Wochenende in Deutschland und oft ein bis zwei Wochen am Stück irgendwo in der Welt unterwegs“, sagt Kußmaul. Der hauptberuflich als Techniker und Disponent tätige Referee schätzt sich glücklich einen Chef zu haben, der hinter seinem Hobby steht. Allerdings mache das keine Partnerschaft länger mit. „Deshalb ist mein Beziehungsstatus Single, aber ich hoffe, dass sich das nach meinem Traum von Olympia 2021 ändert“, erklärt Kußmaul. Denn danach möchte er im Ehrenamt etwas kürzer treten."

Kußmaul
Kampfrichter Holger Kußmaul im internationalen Einsatz.
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